Diagnose der MS

 

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Eine exakte Diagnosestellung der neurologischen Erkrankung Multiple Sklerose ist Grundlage für Aufklärung und Beratung der Betroffenen, aber auch Voraussetzung für jede Entscheidung bezüglich notwendiger Behandlungsschritte.

Krankheitsanzeichen, die auf eine MS (Multiple Sklerose) hinweisen – z.B. Sehstörungen oder Gangunsicherheiten – können auch durch andere Erkrankungen ausgelöst werden. Aus diesem Grund muss die Multiple Sklerose gegenüber anderen Erkrankungen, die mit ähnlichen Symptomen einhergehen (z.B. Durchblutungsstörungen des Gehirns und Rückenmarkes, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, raumfordernde Prozesse des ZNS und erregerbedingte Erkrankungen des Nervensystems) abgegrenzt werden. Man spricht in diesem Fall von einer sogenannten Differenzialdiagnose.

Die Diagnose wird durch eine gründliche ärztliche Untersuchung sowie unter Verwendung von technischen Hilfsmitteln gestellt. Hierbei muss nachgewiesen werden, dass die krankheitsbedingten Störungen sowohl an verschiedenen Stellen des Nervensystems als auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten. Medizinerinnen und Mediziner bezeichnen dies als örtliche und zeitliche Dissemination.

 

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Klinische Diagnose

Die klinische Diagnose beruht auf einer Erfassung der Krankengeschichte und einer ausführlichen ärztlichen Untersuchung und kann erst bei Ausschluss anderer Erkrankungen des ZNS gestellt werden wenn

  • Krankheitsschübe an unterschiedlichen („multiplen“)  Stellen aufgetreten sind und
  • wenn die dadurch bedingten körperlichen Einschränkungen auch in der neurologischen Untersuchung objektiv erfasst werden konnten.

Als Grundlage für die Diagnosesicherung werden die sogenannten McDonald-Kriterien herangezogen (berücksichtigt Klinik und Hilfsbefunde/speziell Magnetresonanz).

Es ist sehr wichtig, sich genau an die Definition von MS- Krankheitsschüben zu halten. Unter einem „Schub“ versteht man einen objektiv erfassbaren, neu auftretenden neurologischen Ausfall bzw. eine gravierende Verschlechterung eines bereits bestehenden Ausfalls für die Dauer von mindestens 24 bzw. 48 Stunden. Häufig vorkommende Symptome sind etwa Sehverschlechterungen durch Sehnerven-Entzündung, Doppelbilder, Gefühlsstörungen, Schwäche von Armen oder Beinen oder Unsicherheit beim Greifen oder Gehen. Die klinische Diagnose wird im Regelfall unter Verwendung folgender Untersuchungsmethoden abgesichert:

  • Magnetresonanztomographie (MRT)
  • Liquor Untersuchung (Gehirn- und Rückenmarkflüssigkeit)
  • Elektrophysiologische Untersuchungen

 

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Magnet-Resonanz-Tomographie

Zum Nachweis einer örtlichen und zeitlichen Dissemination der Entzündung ist besonders die Magnetresonanztomographie geeignet. Die MRT ist ein bildgebendes Verfahren und bildet Gehirn und Rückenmark in sogenannten Schichtaufnahmen ab. Mithilfe dieser Untersuchung können durch die MS verursachten Entzündungsherde im Gehirn und im Rückenmark dargestellt werden

In der Befundung der MRT wird besonderes Augenmerk auf die genaue Lage und das Verteilungsmuster der Läsionen gelegt, um MS-typische Veränderungen von solchen anderen Ursachen abzugrenzen. Aktive Entzündungsherde können durch spezielle Untersuchungsverfahren, so genannte Kontrastmittelaufnahmen, über einen Zeitraum von etwa zwei bis sechs Wochen nachgewiesen werden. Häufig werden aktive Entzündungsherde – das sind jene, die während der Aufnahme Kontrastmittel speichern – als zufälliger Befund bei MRT-Untersuchungen von MS-Patienten entdeckt, die selbst keine zusätzlichen neurologischen Einschränkungen an sich bemerkt haben. Die Diagnose eines Schubes kann dann allerdings nicht gestellt werden, da ja ein Schub laut Definition erst dann vorliegt, wenn sich körperliche Einschränkungen bemerkbar machen.

Es wird vermutet, dass die Häufigkeit des Neuauftretens von Entzündungsherden in der MRT bei schubförmigen Verlauf der MS etwa fünf- bis zehnmal höher ist, als dies durch die Betroffenen selbst oder in der ärztlichen Untersuchung bemerkt wird. Sehr hilfreich kann die MRT bei der Beurteilung der zeitlichen Entwicklung der Krankheit sein. Einerseits durch den Nachweis neu aufgetretener Gewebeschäden, andererseits auch durch den Beleg einer akuten, also Kontrastmittel aufnehmenden Läsion.

Die MRT Bilder  müssen immer im Zusammenhang mit der Krankengeschichte und den körperlichen Beschwerden bewertet werden, da in der MRT sichtbare Gewebe-Veränderungen, wie sie etwa durch Durchblutungsstörungen, Migräne, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Stoffwechselerkrankung, oder auch nur als Ausdruck des Alterungsprozesses auftreten, den MS-bedingten Veränderungen in der MRT unter Umständen ähneln können. Eine entsprechend sorgfältige Abklärung und Beurteilung der Befunde im Zusammenhang mit der klinischen Symptomatik sollte bei den heute zur Verfügung stehenden Methoden das Risiko von falschen Diagnosen sehr gering halten.

 

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Liquor cerebrospinalis

Am Beginn einer MS-Erkrankung – besonders bei atypischen MRT-Befunden- wird die Durchführung einer sogenannten Lumbalpunktion empfohlen. Dabei wird mittels einer feinen Punktionsnadel, welche im unteren Bereich der Wirbelsäule gefahrlos eingeführt wird, Liquorflüssigkeit gewonnen. Die anschließende Untersuchung dieses sogenannten Liquor cerebrospinalis kann Hinweise auf einen entzündlichen Prozess im Zentralnervensystem liefern. Bei einer MS liegt im Liquor typischerweise eine geringe Zell- und Eiweißerhöhung vor.

Das entzündliche Geschehen im Zentralnervensystem führt zum Vorliegen sogenannter oligoklonaler IgG-Banden. Diese oligoklonalen Banden finden sich im Liquor als Folge einer gesteigerten Antikörper-Produktion durch bestimmte Abwehrzellen und bestehen überwiegend aus Immunglobulin G. Um zu beweisen, dass sich die Entzündung – wie dies bei MS der Fall ist-auf das ZNS beschränkt, sollten diese Antikörper nur im Liquor, aber nicht im Blut nachweisbar sein.

Die Suche nach oligoklonalen Banden im Liquor ist bei über 95 Prozent der MS-Patientinnen und -Patienten mit nachweislichen neurologischen Ausfällen erfolgreich. Das Vorliegen oligoklonaler Banden ist allerdings kein sicherer Beweis für die Erkrankung. So werden oligoklonale Banden teilweise auch bei anderen chronisch entzündlichen Erkrankungen des Zentralnervensystems aber auch bei Gefäßentzündungen und sogar bei altersbedingten Abbauprozessen beobachtet.

 

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Visuell evozierte Potentiale

Einseitige Sehstörungen, bedingt durch eine Entzündung des Sehnervs gehören zu den häufiger auftretenden Symptomen bei Multipler Sklerose. Mittels visuell evozierten Potentialen (VEP) kann diese Entzündung nachgewiesen werden, die Untersuchung ist gefahr- und schmerzlos.

Der Sehnerv wird durch verschiedene Techniken optisch gereizt, anschließend wird die hervorgerufene Reizantwort elektrisch gemessen. Bei einer akuten Sehnerventzündung im Rahmen einer MS ist diese Reizantwort stark vermindert bis nicht mehr nachweisbar. Nach Abheilung der Entzündung kann sich die Stärke der Reizantwort sogar normalisieren, bleibt jedoch zumeist verzögert. Aus diesem Grund kann eine abgelaufene Sehnerventzündung meist auch noch nach Jahren erkannt werden und mithilfe der VEP auch Jahre später noch objektiv nachgewiesen werden.

 

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Zusammenfassung

  • Eine exakte Diagnosestellung der neurologischen Erkrankung Multiple Sklerose (MS) ist Grundlage für Aufklärung und Beratung der Betroffenen, aber auch Voraussetzung für jede Entscheidung bezüglich notwendiger Behandlungsschritte.
  • Die klinische Diagnose beruht auf einer exakten Erfassung der Krankengeschichte bzw. einer gründlichen körperlichen Untersuchung und kann anhand international standardisierter Richtlinien nach Ausschluss anderer Erkrankungen gestellt werden.
  • Dank moderner technischer Hilfsmittel zur Diagnosestellung kann eine Multiple Sklerose heutzutage besser von anderen Erkrankungen mit ähnlichem Erscheinungsbild unterschieden werden als früher – dennoch kann diese sogenannte Differenzialdiagnose in seltenen Fällen auch heute noch manchmal Probleme bereiten.
  • Die Magnetresonanz ist die derzeit wichtigste Untersuchungsmethode, um nachzuweisen, dass MS bedingte Entzündungsherde sowohl verschiedenen Stellen des Nervensystems als auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten. Im klinischen Alltag wird die MRI als Abklärungsmethode und als Ausgangsbefund für Therapien eingesetzt.
  • Die laborchemische Analyse des Liquor cerebrospinalis sowie die Untersuchung der Sehnerven mittels visuell evozierter Potentiale sind weitere wichtige Standbeine der Diagnostik und erhöhen vor allem am Beginn der Erkrankung sowie bei atypischem klinischen Bild oder nicht eindeutigem MRT-Befund.
Neurologe Dr. Rainer Grass